Er hatte gewusst, dass dieser Tag wieder einmal scheiße werden würde. Was nun wirklich nicht daran lag, dass es regnete. Obwohl, Sonne wäre besser gewesen, da hätten sie wenigstens raus gehen können. So war er hier in der Wohnung, in seinem Zimmer, angebunden. Quasi angebunden. Und ihr ausgeliefert. Wie immer.

“Daaaaaaaaaniel!” rief sie über den Flur, “hast du schon deine Schuhe geputzt?” Wie er das hasste, Schuhe putzen. Und warum fing sie damit immer an, wenn er grad mitten im Spiel war? “Ich komme…” und schon ging es los, das Theater. “Jeeeeedesmal muss ich dich dazu anhalten, du kannst wirklich nichts von alleine, wenn man dir nicht alles haarklein vorexerziert, dann würdest du sogar noch deinen Kopf vergessen wenn er nicht angewachsen wäre, es ist wieder mal typisch, und schau dir das an, was ist das? Kannst Du mir bitte sagen, was das soll?” Ihre Stimme wurde lauter. “Was hat das zu bedeuten?” Ihre Stimme wurde schrill. “Wieso stehen hier im Regal Schuhe mit Lehm an der Sohle? Habe ich Dir nicht schon tausend….” er hörte nicht mehr hin.

Das war das einzige, was ihm blieb. Was er über die Jahre bis zur Perfektion eingeübt hatte: weghören. Quasi das Gehirn ausschalten. Zong. Weg. Aus. Einfach aus. Die Worte rutschten sozusagen durch ihn durch, vorne rein und hinten raus. Und sie hinterließen kaum Spuren. Bis auf ein paar Narben. Vielleicht.

Ihre Stimme überschlug sich, sie riss ihm die Schuhbürste aus der Hand, “Ohrfeigen hättest du verdient” hörte er noch, sie schmiss die Schuhe samt Schuhbürste in den Hausflur, schubste ihn aus der Türe hinaus und kreischte hinterher, dass er sich gefälligst erst wieder melden solle, wenn sie blitzblank seien und er über sein unverschämtes Verhalten ausreichend nachgedacht hätte. Mit den Worten “es ist nicht zu fassen, dieses nichtsnutzige Kind” schlug sie ihm die Türe vor der Nase zu.

Stille. Endlich Stille.

Er hasste sie. War es jemals anders gewesen? Früher. Doch wann war früher? Er war gerade erst zwölf und da gibt es doch noch gar kein richtiges früher. Egal ob früher oder heute, er kannte nur ihr Geschrei. Schrilles Geschrei. Sich überschlagende Stimme. Sie wütete. Irgendwas war, eine Begebenheit, ein Satz, ein paar Worte, die sie von sonst woher trafen, und dann wütete sie. Wütete durch sein Leben. Er hatte gelernt, damit umzugehen, entkommen konnte er dem nicht.

“Soll ich sie töten?”

“Bitte was?” Er blickte auf.

“Ob ich sie töten soll?”

Vor ihm stand ein kleines Mädchen, vielleicht halb so alt wie er, sie hatte weiße Sachen an, sah ein bisschen aus wie ein Judoanzug, nur war der Stoff nicht so grob und es fehlte auch der Gürtel. Judoka haben doch immer Gürtel um.

“Wer bist du?”, fragte er völlig verwirrt.

“Ich bin das Mörderkind”, sagte das Mädchen. “Ich komme, um Mütter zu ermorden. Väter natürlich auch. Je nach Wunsch.”

Fassungslos starrte Daniel sie an. Mütter ermorden? Das war doch gar nicht möglich. Wer konnte so etwas denken? Mütter. Ermorden. Es waren doch Mütter.

Die Tür wurde aufgerissen “Machst Du endlich voran?”, herrschte seine Mutter ihn an, ihr Gesicht war verzogen, als ob sie eine hässliche Grimasse ziehen wolle. Ihre Augen waren dunkel und böse. “Mach, dass Du fertig wirst, es gibt noch anderes zu tun”, zischte sie und schmiss die Türe mit aller Wucht zu.

“Soll ich sie nun töten?”, fragte das Mörderkind. Als ob es völlig normal wäre, seine Mutter zu töten. Wie Brötchen holen. Oder Schuhe putzen. Ganz normal. Mütter töten.

“Ich weiß, was du denkst”, sagte das Mörderkind, “dass man seine Mutter nicht tötet und dass man dies nicht mal denken darf, richtig?”

“Sie hat…. sie hat dich gar nicht gesehen”, stotterte Daniel leise, “sie hat dich gar nicht gesehen”. Er starrte das Mörderkind an. “Und Gedanken lesen kannst du auch noch”, er war völlig verwirrt.

“Nun, schließlich wäre es nicht meine erste Mutter, die ich töte”, sagte das Mörderkind in geschäftsmäßigem Ton, “und es ist auch nicht das erste Kind, mit dem ich mich darüber unterhalte, ich weiß so manches über Schuldgefühle und das 4. Gebot.” Daniel hörte mit offenem Mund zu. “Und außerdem”, fuhr das Mörderkind fort, “wäre es doch äußerst unpraktisch, wenn Deine Mutter mich sehen könnte, meinst Du nicht?”

“Unpraktisch”, wiederholte Daniel tonlos, als könne er nicht glauben, was er eben gehört hatte.

„Ja also, was ist nun“, fragte das Mörderkind ungeduldig „töten oder nicht? Entscheide Dich!“

Und dann entschied er sich.