auf der Mauer đŸŽ¶ auf der Lauer đŸŽ¶

Es begab sich also zu einer Zeit, als das Volk gezÀhlt werden sollte. Ich erinnere mich noch genau, ich lebte in einer WG und studierte an der Uni und wir waren uns ALLE einig, wir lassen uns nicht zÀhlen, niemalsnienicht. NÀheres zu der Geschichte dieser VolkszÀhlung findet Ihr bei Wiki.

Meine WG wohnte in der 3. Etage und darunter wohnten noch andere WG’s, wie das damals so ĂŒblich war. Wir lebten in Zeiten des NATO-Doppelbeschlusses, BĂŒrgerinitiativen entstanden aus dem nichts und es war allgemein Konsens, wir lassen uns nichts gefallen. Macht kaputt, was euch kaputt macht. Oder so Ă€hnlich. Ich las die Zeitschrift „Konkret“, was auch sonst. Ich kaufte meine BĂŒcher bei „2001“, wo auch sonst. Bewegte Zeiten ohne Computer. Telefone standen zu Hause im Flur. Telekom war Zukunftsmusik, damals hieß das noch Post und es dauerte lange, bis man einen Telefonanschluss bekam. Ca. 6 Wochen.

Man hat damals wirklich das Haus verlassen und war unerreichbar! Und wenn man unterwegs war, dann konnte man keinen anrufen, außer von einer Telefonzelle, die damals noch gelb waren und schwere Hörer hatten. Aber das entscheidende war, man WOLLTE auch niemanden anrufen. Wieso sollte man jemanden anrufen wollen, wenn man aus dem Haus geht? Unsinnig. Anrufen tat man im Flur und wenn man bei den Eltern war, saß man noch dazu auf einem TelefonbĂ€nkchen. Mit Gobelinstickerei.

Und dann kĂŒndigte sich die „Tante von der VolkszĂ€hlung“ an, wie wir sie damals nannten. Am besagten Tag schritt sie, beĂ€ugt von unzĂ€hligen Augen hinter Fenstern, mutig in den Hauseingang und klingelte bei der ersten WG. Nicht lange darauf klingelte sie bei uns. Vorher wurde abgestimmt, wer ihr öffnen musste. Die Wahl fiel, wie sollte es auch anders sein, auf mich. Am Tag vorher wurde lang und breit mit den anderen WG’s ausdiskutiert, was man ihr sagt und so ging ich, den Text murmelnd, weil es war ziemlich kompliziert und sehr politisch, zur WohnungstĂŒre und öffnete. Und bevor ich ĂŒberhaupt was sagen konnte, hatte ich die Bögen in der Hand und sie raunzte mich an: „Da haben Sie Ihre Bögen und ob Sie die ausfĂŒllen oder nicht ist mir völlig egal! Einen schönen Tag noch!“ und weg war sie.

Sie hatte offensichtlich keine Lust, sich den Text, von dem ich kein einziges Wort erinnere, ein weiteres Mal anzuhören. Ich erinnere auch nicht mehr, was wir mit den Bögen gemacht haben. Damals gab es ja Anleitungen, wie man die Bögen juristisch korrekt ausfĂŒllt, ohne dass man seine Daten preisgibt, die Nummer (jeder Bogen fĂŒr jeden Haushalt hatte eine bestimmte Nummer) sollte entfernt werden und was weiß ich nicht noch alles. Ich meine mich zu erinnern, dass wir die Bögen ausgefĂŒllt haben, aber völlig unsinnige Angaben machten und diese Nummer tatsĂ€chlich entfernten. Aber was danach passierte, ich weiß es nicht mehr. Zu lange ist es her.

Ich weiß aber noch genau, wie empört wir waren, tagelang, wochenlang wurde diskutiert, es gab Treffen in allen möglichen Institutionen, alle möglichen Leute organisierten sich in Vereinen, BĂŒrgerinitiativen, Studentengruppen… niemand sollte erfahren, wie groß unsere Wohnung ist und wieviele Toiletten wir haben. NIEMAND!

Tja, die Zeiten haben sich geÀndert. Aber sowas von.

Alexa, wie spÀt haben wir?

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Author: Gabi Schoek

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